Nomos Evidenzbasierte | evidenzinformierte Gesundheitskommunikation Stehr | Heinemeier | Rossmann [Hrsg.] Gesundheitskommunikation | Health Communication l https://doi.org/10.5771/9783845291963 , am 29.07.2020, 21:08:41 Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb Gesundheitskommunikation | Health Communication herausgegeben von Prof. Dr. Constanze Rossmann Band 19 Bis Band 13 erschienen unter dem Reihentitel „Medien + Gesundheit“, herausgegeben von Prof. Dr. Patrick Rössler. https://doi.org/10.5771/9783845291963 , am 29.07.2020, 21:08:41 Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb Evidenzbasierte | evidenzinformierte Gesundheitskommunikation Paula Stehr | Dorothee Heinemeier | Constanze Rossmann [Hrsg.] https://doi.org/10.5771/9783845291963 , am 29.07.2020, 21:08:41 Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. ISBN 978-3-8487-5024-5 (Print) ISBN 978-3-8452-9196-3 (ePDF) 1. Auflage 2018 © Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2018. Gedruckt in Deutschland. Alle Rechte, auch die des Nachdrucks von Auszügen, der fotomechanischen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten. Gedruckt auf alterungsbeständigem Papier. © Titelbild: fotolia.com https://doi.org/10.5771/9783845291963 , am 29.07.2020, 21:08:41 Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb Vorwort In der Medizin hat sich Evidenzbasierung als Kriterium guter Praxis weit- gehend durchgesetzt. Evidenzbasierte Medizin meint dabei den gewissen- haften, ausdrücklichen und vernünftigen Gebrauch der gegenwärtig besten wissenschaftlichen (medizinischen) Evidenz für Entscheidungen in der medizinischen Versorgung von Patientinnen und Patienten (Albrecht, Mühlhauser, & Steckelberg, 2014; Sacket et al., 1996). In engem Zusam- menhang damit stehen auch konkrete Anforderungen an methodische Gü- tekriterien bis hin zur Formulierung eines methodischen Goldstandards, der Reviews und Meta-Analysen basierend auf randomisierten kontrollier- ten Experimenten als am höchsten einstuft (Reifegerste & Hastall, 2014; Babbie & Rubin, 2011). Ähnliche Bestrebungen sind auch in der Gesundheitskommunikation zu beobachten (Albrecht et al., 2014; Reifegerste & Hastall, 2014; Robinson et al., 1998). So wurden unter dem Dach des Deutschen Netzwerks Evi- denzbasierte Medizin sowohl ein Positionspapier zur „Guten Praxis Ge- sundheitsinformation“ (Deutsches Netzwerk Evidenzbasierte Medizin, 2016) als auch Leitlinien „Evidenzbasierte Gesundheitsinformation“ (Lüh- nen et al., 2017) entwickelt, die Anforderungen an die Qualität von Ge- sundheitsinformationen formulieren. Zu den Qualitätskriterien gehören hier etwa Zielgruppeorientierung, Einhaltung inhaltlicher Anforderungen (z. B. Angaben zu Risiken, Behandlungsoptionen, Information zu Unsi- cherheiten, aber auch Metainformationen wie Offenlegung von Interessen) sowie Regeln zur Darstellung von Häufigkeiten (z. B. verbal, numerisch, Grafiken). Evidenzbasierung spielt aber nicht nur im Kontext von Gesundheitsin- formation eine Rolle, sondern sollte analog in den Medizin- und Gesund- heitsjournalismus oder auch in die Kriterien guter Kampagnengestaltung hineinspielen (vgl. z. B. Rossmann, 2015; Ruhrmann & Guenther, 2016). Dabei stellt sich die Gesundheitskommunikation nicht nur die Frage, wel- che Informationen verbreitet werden müssen oder dürfen, sondern vor al- lem, wie dies so geschieht, dass die Inhalte adäquat wahrgenommen und verarbeitet werden. Welche Kriterien für verschiedene Bereiche der Ge- sundheitskommunikation relevant sind, ist sicherlich nicht abschließend geklärt, wenn auch gute Ansätze vorhanden sind. Auch stellt sich die Fra- 5 https://doi.org/10.5771/9783845291963 , am 29.07.2020, 21:08:41 Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb ge, inwieweit psychologisch, sozialwissenschaftlich oder geisteswissen- schaftlich geprägte Forschung überhaupt von Evidenzbasierung im Sinne des medizinischen Begriffsverständnisses sprechen kann oder andere Kri- terien formulieren muss, die eher in Richtung einer Evidenzinformierung gehen. Der vorliegende Band versammelt eine Reihe von Beiträgen, die sich mit ebendiesen Fragen zum Thema Evidenzbasierung bzw. -informierung in der Gesundheitskommunikation auseinandersetzen. Er geht aus der 2. Jahrestagung der Fachgruppe Gesundheitskommunikation der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) hervor, die vom 15. bis 17. November 2017 in Erfurt unter dem Titel „Evidenzbasierte | evidenzinformierte Gesundheitskommunikation“ statt- fand. Die Beiträge waren jeweils in einem Blind-Peer-Review-Prozess auf der Basis von Extended Abstracts ausgewählt worden. Der vorliegende Band versucht einerseits, den Diskurs rund um das Thema zu systematisie- ren, andererseits aber auch neue Fragen aufzuwerfen, um so einen Beitrag für die zukünftige Auseinandersetzung mit dem Thema zu leisten. Überblick über die Beiträge in diesem Band Konkret systematisiert der vorliegende Band den Diskurs zur Evidenzba- sierung und -informierung in der Gesundheitskommunikation in sechs the- matischen Blöcken, denen die 18 Beiträge zugeordnet wurden. Der erste Block bietet interdisziplinäre Bezüge und legt anhand zweier grundlegender Auseinandersetzungen mit Evidenzbasierung zunächst die Basis für den weiteren Diskurs. Die Medizinerin Ingrid Mühlhauser leitet den Band mit einem Kommentar zu Patienten- und Gesundheitsinformati- on aus der Perspektive evidenzbasierter Medizin ein. Der Psychologe Frank Renkewitz diskutiert in seinem Beitrag die Frage der Replizierbar- keit von Forschungsbefunden als einen Aspekt der Evidenzbewertung und geht dabei sowohl auf methodische als auch auf wissenschaftssoziologi- sche Gesichtspunkte ein. Im zweiten Bock werden Kriterien evidenzbasierter Gesundheitskom- munikation betrachtet. Dorothee Heinemeier, Cynthia Meißner und Corne- lia Betsch beschreiben auf der Basis einer Befragung, die während der Fachgruppentagung durchgeführt wurde, wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der Gesundheitskommunikation über Evidenzbasierung und -informierung nachdenken. Veronika Karnowski und Freya Sukalla Vorwort 6 https://doi.org/10.5771/9783845291963 , am 29.07.2020, 21:08:41 Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb beleuchten in einem Scoping Review den Methodeneinsatz in der deutsch- sprachigen, kommunikationswissenschaftlichen Forschung im Bereich Gesundheitskommunikation. Doreen Reifegerste und Eva Baumann be- trachten die Vielfalt und Herausforderungen von Evidenzbasierung in der strategischen Gesundheitskommunikation. Daran schließt sich der dritte Block mit Beiträgen zur Evidenzbasierung von Kampagnen an. Thomas N. Friemel und Tobias Frey betrachten die Organisationsstrukturen und Prozesse, die einen Einfluss auf evidenzba- sierte Kommunikationskampagnen nehmen. Am Beispiel einer thüringen- weiten Kampagne zur Förderung der Impfbereitschaft von Personen ab 60 Jahren diskutieren Winja Weber, Sarah Eitze, Constanze Rossmann, Cor- nelia Betsch, Regina Hanke und die vaccination60+ study group die Po- tenziale und Grenzen evidenzbasierter Kampagnen. Der Situationsanalyse als Grundlage der Kampagnenplanung widmen sich Tobias Frey, Thomas N. Friemel und Benjamin Fretwurst am Beispiel des Themas Organspen- de. Die Beiträge im vierten Block behandeln die Darstellung medizinischer Evidenz in Informationsmaterialien. Der Beitrag von Viorela Dan liefert einen Überblick über die Vor- und Nachteile verschiedener Darstellungs- formen. Lisa Steinmeyer, Cornelia Betsch und Frank Renkewitz widmen sich einer spezifischen Form der Darstellung: den Faktenboxen. Zwei Bei- träge rücken Patientinnen und Patienten in den Vordergrund: Elena Link, Martina Albrecht und Eva Baumann beschreiben formative Evaluation als Grundstein evidenzbasierter Gesundheitskommunikation am Beispiel von Kniearthrose. Elena Link und Paula Stehr betrachten den Zusammenhang von evidenzbasierten Gesundheitsinformationen und informierten Patien- tenentscheidungen am Beispiel des Mammographie-Screenings. Der fünfte Block versammelt Beiträge zur Darstellung medizinischer Evidenz im Journalismus. Jakob Henke, Laura Leißner und Wiebke Möh- ring betrachten den Einfluss von Evidenzen in gesundheitsjournalistischen Beiträgen aus Rezipientenperspektive. Lars Guenther und Hanna Marzin- koswki präsentieren die Ergebnisse einer Inhaltsanalyse zu Evidenz in der Berichterstattung über Medizin und Gesundheit. Michael Grimm zeigt in einer qualitativen Inhaltsanalyse auf, wie medizinische Evidenz in Fern- sehbeiträgen visualisiert wird. Der letzte Abschnitt des Bandes beschäftigt sich schließlich mit der Kommunikation über Gesundheit und Krankheit in verschiedenen Forma- ten. Anna J. M. Wagner betrachtet mediale Repräsentationen von Erkran- kungen und Erkrankten in TV-Krimiserien. Sebastian Scherr und Antonia Vorwort 7 https://doi.org/10.5771/9783845291963 , am 29.07.2020, 21:08:41 Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb Markiewitz beschäftigen sich mit evidenzbasierter Suizidprävention und stellen die Frage, woran sich Menschen bei medialen Suizidfällen erin- nern. Den Abschluss des Bandes bildet ein Beitrag von Violetta Aust, Eck- art von Hirschhausen und Florian Fischer, der sich mit der Kommunikati- on über fehlende Evidenz im Rahmen des medizinischen Kabaretts ausein- andersetzt. Die Beiträge im vorliegenden Band verdeutlichen exemplarisch, wie aus medizinischer, psychologischer und kommunikationswissenschaftli- cher Perspektive über Evidenz nachgedacht wird. Wir möchten uns an die- ser Stelle herzlich bei allen Autorinnen und Autoren für ihre Beiträge be- danken sowie bei Laura Koch und Dominik Daube für die tatkräftige Un- terstützung beim Lektorat. Vielen Dank auch an Sandra Frey und Eva Lang vom Nomos -Verlag, die die Umsetzung des Projekts betreut haben. Erfurt, im Juli 2018 Paula Stehr, Dorothee Heinemeier & Constanze Rossmann Literaturverzeichnis Albrecht, M., Mühlhauser, I., & Steckelberg, A. (2014). Evidenzbasierte Gesundheits- information. In K. Hurrelmann & E. Baumann (Hrsg.), Handbuch Gesundheitskom- munikation (S. 142-158). Bern: Huber. Babbie, E., & Rubin, A. (2011). Research methods for social work . Belmont, CA: Thompson Brooks/Cole. Deutsches Netzwerk Evidenzbasierte Medizin. (2016). Gute Praxis Gesundheitsinfor- mation. Ein Positionspapier des Deutschen Netzwerkes Evidenzbasierte Medizin e.V. Abgerufen am 23. März 2017 von http://www.ebm-netzwerk.de/pdf/publikatio- nen/gpgi.pdf Lühnen, J., Albrecht, M., Mühlhauser, I., & Steckelberg, A. (2017). Leitlinie evidenz- basierte Gesundheitsinformation. Hamburg . Abgerufen am 23. März 2017 von http://www.leitlinie-gesundheitsinformation.de/wp-content/uploads/2014/05/Leitli- nie-evidenzbasierte-Gesundheitsinformation.pdf Reifegerste, D., & Hastall, M. R. (2014). Qualitätssicherung in der Gesundheitskom- munikation. In E. Baumann, M. R. Hastall, C. Rossmann & A. Sowka (Hrsg.), Ge- sundheitskommunikation als Forschungsfeld der Kommunikations- und Medienwis- senschaft (S. 37-47). Baden-Baden: Nomos. Robinson, T. N., Patrick, K., Eng, T. R., & Gustafson, D. (1998). An evidence-based approach to interactive health communication: A challenge to medicine in the infor- mation age. JAMA, 280 (14), 1264-1269. Vorwort 8 https://doi.org/10.5771/9783845291963 , am 29.07.2020, 21:08:41 Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb Rossmann, C. (2015). Strategic Health Communication: Theory- and Evidence-Based Campaign Development. In D. Holtzhausen & A. Zerfass (Hrsg.), The Routledge Handbook of Strategic Communication (S. 409-423). New York: Routledge. Ruhrmann, G., & Guenther, L. (2016). Medizin- und Gesundheitsjournalismus. In C. Rossmann & M. R. Hastall (Hrsg.), Handbuch Gesundheitskommunikation. Kom- munikationswissenschaftliche Perspektiven . doi: 10.1007/978-3-658-10948-6_6-1 Sacket, D. L., Rosenberg, W. M. C., Gray, J., Haynes, R. B., & Richardson, W. S. (1996). Evidence based medicine: What it is and what it isn’t. BMJ, 312 , 71-72 Vorwort 9 https://doi.org/10.5771/9783845291963 , am 29.07.2020, 21:08:41 Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb https://doi.org/10.5771/9783845291963 , am 29.07.2020, 21:08:41 Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb Inhalt Interdisziplinäre Bezüge der Diskussion über Evidenz Teil 1: Patienten- und Gesundheitsinformation: die Perspektive der Evidenzbasierten Medizin – Kommentar 17 Ingrid Mühlhauser Die Geschlossene Gesellschaft und ihre Freunde 31 Frank Renkewitz Kriterien evidenzbasierter Gesundheitskommunikation Teil 2: Was bedeutet Evidenzbasierung | Evidenzinformierung in der Gesundheitskommunikation? Eine Befragung während der 2. Jahrestagung der Fachgruppe Gesundheitskommunikation der DGPuK 47 Dorothee Heinemeier, Cynthia Meißner & Cornelia Betsch Zeit- und kosteneffiziente Evidenzgenerierung? Ein Scoping Review zum Methodeneinsatz in der deutschsprachigen, kommunikationswissenschaftlichen Forschung zur Gesundheitskommunikation 61 Veronika Karnowski & Freya Sukalla Vielfalt und Herausforderungen der Evidenzbasierung in der strategischen Gesundheitskommunikation 73 Doreen Reifegerste & Eva Baumann 11 https://doi.org/10.5771/9783845291963 , am 29.07.2020, 21:08:41 Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb Evidenzbasierung von Kampagnen Teil 3: Evidenzbasierte Kommunikationskampagnen: Organisationsstrukturen und Prozesse 87 Thomas N. Friemel & Tobias Frey Evidenzbasierte Kampagnenplanung: Potenziale und Grenzen 99 Winja Weber, Sarah Eitze, Constanze Rossmann, Cornelia Betsch, Regina Hanke & vaccination60+ study group Situationsanalyse als Grundlage für eine Kampagne zum Thema Organspende 113 Tobias Frey, Thomas N. Friemel & Benjamin Fretwurst Darstellung medizinischer Evidenz in Informationsmaterialien Teil 4: Informationen über Gesundheitsrisiken: Vor- und Nachteile verbaler, numerischer und visueller Darstellungsformen sowie von Mischformen 127 Viorela Dan Können Faktenboxen den Einfluss narrativer Informationen auf Risikourteile verringern? 143 Lisa Steinmeyer, Cornelia Betsch & Frank Renkewitz Formative Evaluation als Grundstein evidenzbasierter Gesundheitskommunikation am Beispiel von Kniearthrose 155 Elena Link, Martina Albrecht & Eva Baumann Evidenzbasierte Gesundheitsinformationen und informierte Patientenentscheidung am Beispiel des Mammographie-Screenings 167 Elena Link & Paula Stehr Inhalt 12 https://doi.org/10.5771/9783845291963 , am 29.07.2020, 21:08:41 Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb Darstellung medizinischer Evidenz im Journalismus Teil 5: Auf Spurensuche: Der Einfluss von Evidenzen auf das Erleben und die Bewertung von gesundheitsjournalistischen Beiträgen aus Rezipientenperspektive 181 Jakob Henke, Laura Leißner & Wiebke Möhring Evidenz und (falsche) Ausgewogenheit in der Berichterstattung über Medizin und Gesundheit: Eine Inhaltsanalyse von Print- und Online-Medien 191 Lars Guenther & Hanna Marzinkowski Visuelle Evidenz? Eine qualitative Bildtypenanalyse zur Visualisierung von Evidenz in Fernsehbeiträgen 203 Michael Grimm Kommunikation über Gesundheit und Krankheit in verschiedenen Formaten Teil 6: Kranke, Psychopathen, Mörder? Mediale Repräsentationen von Erkrankungen und Erkrankten in TV-Krimiserien 219 Anna J. M. Wagner Woran erinnern sich Menschen bei medialen Suizidfällen und welche Rolle spielt dabei Empathie mit den Suizidenten? Empirische Befunde zur evidenzbasierten Suizidprävention 231 Sebastian Scherr & Antonia Markiewitz Kommunikation über fehlende Evidenz in Schul- und Alternativmedizin: Welchen Beitrag kann das medizinische Kabarett leisten? 241 Violetta Aust, Eckart von Hirschhausen & Florian Fischer Autoreninformationen 253 Inhalt 13 https://doi.org/10.5771/9783845291963 , am 29.07.2020, 21:08:41 Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb https://doi.org/10.5771/9783845291963 , am 29.07.2020, 21:08:41 Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb Teil 1: Interdisziplinäre Bezüge der Diskussion über Evidenz https://doi.org/10.5771/9783845291963 , am 29.07.2020, 21:08:41 Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb https://doi.org/10.5771/9783845291963 , am 29.07.2020, 21:08:41 Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb Patienten- und Gesundheitsinformation: die Perspektive der Evidenzbasierten Medizin – Kommentar Ingrid Mühlhauser Standortbeschreibung Die Evidenzbasierte Medizin (EbM) war ursprünglich eine Reaktion auf die zunehmende Menge an wissenschaftlichen Publikationen und eine Me- dizin, die von Meinungsbildnern statt Evidenz dominiert wurde. Sie be- gründete sich als methodisches Verfahren zur bestmöglichen Nutzung wis- senschaftlicher Erkenntnisse durch die einzelne Ärztin oder den einzelnen Arzt bei der Behandlung individueller Patientinnen und Patienten (Sackett et al., 1996). Erst später findet sich in der Definition von EbM auch die Patientenperspektive: „Evidence-based medicine is the integration of best research evidence with clinical expertise and patient values“ (Sackett et al., 2000). Klinische Expertise wird dabei verstanden als „the ability to in- tegrate research evidence and patients‘ circumstances and preferences to help patients arrive at optimal decisions.“ (Guyatt et al., 2004). Die Einbe- ziehung der Patientinnen und Patienten in medizinische Entscheidungen wurde durch die Internetrevolution forciert. In Deutschland forderten im Jahr 2006 Brustkrebsaktivistinnen in einer damals noch ungewöhnlichen Petition an den Deutschen Bundestag die Bereitstellung von evidenzbasierten Patientenleitlinien, Entscheidungshil- fen und die Teilhabe an Behandlungsentscheidungen (Tenter, 2006). Die Frauen hatten verstanden, dass die verfügbaren Patienteninformationen nicht geeignet waren, um über medizinische Maßnahmen urteilen zu kön- nen. Die Entwicklungen in den Methoden der EbM und die Auseinander- setzung der Patientinnen und Patienten mit dem Informationsangebot leg- ten die Defizite der Kommunikation von Gesundheitsthemen zunehmend offen (Mühlhauser et al., 2010). Die EbM möchte jeder Ärztin und jedem Arzt und Patientinnen und Pa- tienten ermöglichen zu verstehen welche Vor- und Nachteile einzelne me- dizinische Verfahren haben. Das Deutsche Netzwerk Evidenzbasierte Me- dizin (DNEbM) hat in seinem „Vision & Mission Statement“ ausdrücklich diese Zielsetzungen formuliert: „Alle Patientinnen und Patienten, Bür- 1 17 https://doi.org/10.5771/9783845291963 , am 29.07.2020, 21:08:41 Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb gerinnen und Bürger erhalten eine gesundheitliche Versorgung, die auf bester Evidenz und informierten Entscheidungen beruht.“ (DNEbM, 2012). Das Patientenrechtegesetz aus dem Jahr 2013 hat die Ansprüche der Patientinnen und Patienten auf vollständige und wahrheitsgemäße Aufklärung im § 630 e BGB formuliert: „Bei der Aufklärung ist auch auf Alternativen zur Maßnahme hinzuweisen, ... und die Aufklärung muss für den Patienten verständlich sein“ (Patientenrechtegesetz, 2013). In einem bemerkenswerten Aufsatz im Deutschen Ärzteblatt wurde „die informierte Entscheidung“ sogar als patientenrelevanter Endpunkt gefor- dert (Rummer & Scheibler, 2016). Die Autorin und der Autor argumentie- ren, dass die informierte Entscheidung selbst nach dem Sozialgesetzbuch V als Ergebnisparameter zur Nutzenbewertung medizinischer Verfahren anwendbar wäre, vergleichbar mit den etablierten Parametern wie Sterb- lichkeit, Krankheitslast und Lebensqualität. Eine Umsetzung der ethisch und rechtlich legitimierten Ansprüche der Bürgerinnen und Bürger sowie Patientinnen und Patienten auf informierte Entscheidungen ist bisher nur ansatzweise erfolgt (z. B. Albrecht et al., 2016). Für die meisten medizinischen Maßnahmen fehlen die entsprechen- den Informationsmaterialien. Auch wird weiterhin von der überwiegenden Mehrheit der Ärzteschaft ein traditionelles paternalistisch benevolentes Verhältnis zu den Patientinnen und Patienten gepflegt. Erschwerend für die Umsetzung des Konzepts der informierten partizipativen Entschei- dungsfindung wiegt die unzureichende Ausbildung der Ärztinnen und Ärzte in den Methoden der EbM. Auch wenn „Kommunikation“ inzwi- schen als relevante Kompetenz der Ausbildung und Praxis anerkannt ist, so fehlt es oft an Fähigkeiten, wissenschaftliche Publikationen zu lesen, zu bewerten und die Daten kommunikativ umzusetzen (Neumann et al., 2018; Wegwarth et al., 2012). Kommunikation ohne evidenzbasierte Infor- mationsinhalte gleicht daher einem Meinungsaustausch über „des Kaisers neue Kleider“. Der Kaiser ist in Wirklichkeit nackt, ebenso wie ein medi- zinisches Aufklärungsgespräch ohne evidenzbasierte Entscheidungshilfen. Für den klinischen Bereich liegen nur für einzelne Entscheidungssitua- tionen evaluierte Informationsmaterialien vor. Meist werden sie im Rah- men von Forschungsprojekten entwickelt. Die Erstellung und Evaluation von evidenzbasierten Patienteninformationen ist aufwendig. Zur Entwick- lung des Materials braucht es nicht nur Kompetenzen in den Methoden der EbM, sondern auch medizinisch fachliche Expertise im jeweiligen The- menfeld. Die medizinischen Fachgesellschaften könnten grundsätzlich über die notwendigen Kompetenzen verfügen. Sie erstellen Leitlinien, bis- Ingrid Mühlhauser 18 https://doi.org/10.5771/9783845291963 , am 29.07.2020, 21:08:41 Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb her jedoch keine Entscheidungshilfen. Auch sind die Leitlinien nicht im- mer ausreichend wissenschaftsbasiert. Zwar hat sich die Qualität der Leit- linien verbessert, die Defizite sind jedoch immer noch erheblich. So domi- nieren weiterhin interessengeleitete Berufsverbände und Experten, sodass die Empfehlungen der Leitlinien, auch wenn es sich um sogenannte S3- Leitlinien handelt (Klassifikation S3-Leitlinien, 2018), nur ausnahmsweise durchgängig den Ansprüchen der EbM an Unabhängigkeit, Vollständigkeit und inhaltlicher Evidenzbasierung genügen (Meyer & Mühlhauser, 2016). Aktuelle Leitlinien sind nicht nutzbar für die Erstellung von evidenzba- sierten Patienteninformationen oder Entscheidungshilfen. Die notwendi- gen Daten werden nicht bereitgestellt. Es bräuchte Angaben zur Einschät- zung individueller Krankheitsrisiken, übersichtliche Darstellungen zu Nut- zen und Schaden aller Optionen einschließlich der Nicht-Intervention, et- wa in Form von Faktenboxen (Mühlhauser & Meyer, 2013). Üblicherwei- se empfehlen die Leitlinienersteller nur ein einziges Verfahren. Andere vermeintlich weniger wirksame Maßnahmen werden nicht mit Angaben zu Nutzen und Schaden präsentiert. Diese wären aber oftmals bei einzel- nen Patientinnen und Patienten aus medizinischen Gründen angemessen oder sie würden eventuell wegen eines günstigeren Nebenwirkungsprofils bzw. einer besseren Praktikabilität von den betroffenen Patientinnen und Patienten präferenziert. Der Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Ge- sellschaft (AKF) hat daher auf Initiative der Arbeitsgruppe Brustkrebs in einem offenen Brief an den ehemaligen Gesundheitsminister Gröhe eine Weiterentwicklung der Leitlinien zu S4-Leitlinien gefordert (AKF, 2016). Die Leitlinien sollten patientenorientiert erstellt werden. Das heißt, für re- levante Entscheidungssituationen müssten entsprechende Entscheidungs- hilfen mitentwickelt werden. Diese müssten frei zugängig, modularisiert und aktualisiert nachhaltig verfügbar sein. Das DNEbM hat diese Forde- rung durch Gründung einer Arbeitsgruppe zur entsprechenden Weiterent- wicklung der Leitlinien unterstützt. Es sollen Konzepte und Templates er- arbeitet werden, nach denen schon bei Beginn der Leitlinienentwicklung einzuplanen wäre, wie die notwendigen Daten für die Erstellung von Ent- scheidungshilfen aus der Literatur zu extrahieren sind und für relevante Entscheidungssituationen Informationsmaterialien erstellt werden können. Auf internationaler Ebene bemühen sich insbesondere Cochrane und as- soziierte Arbeitsgruppen um eine entsprechende Bereitstellung von wis- senschaftlichen Daten nach Kriterien der EbM, die auch für die Patienten- aufklärung unmittelbar nutzbar sind, beispielsweise im Projekt MAGIC Patienten- und Gesundheitsinformation: die Perspektive der Evidenzbasierten Medizin 19 https://doi.org/10.5771/9783845291963 , am 29.07.2020, 21:08:41 Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb (http://magicproject.org), WikiRecs (Otto et al., 2017) oder GRADE (Neu- mann et al., 2018). GRADE steht für Grading of Recommendations As- sessment, Development and Evaluation (kurz: GRADE). Es handelt sich um ein methodisches Verfahren, das bei der Synthese von Evidenz in sys- tematischen Reviews und Handlungsempfehlungen den Grad der Unsi- cherheit und die Qualität bzw. Stärke der Evidenz in der Bewertung be- rücksichtigt (Guyatt, G., 2011). Irreführende Informationen Kampagnen Öffentliche Kampagnen, beispielsweise zur Früherkennung von Brust- krebs oder Darmkrebs, nutzen vorrangig emotionale Botschaften. Die Zielsetzung ist, möglichst viele Bürgerinnen und Bürger für die Untersu- chungen zu gewinnen. Die Informationen schüren gezielt Angst. Dazu werden große Zahlen genutzt, wie „Jedes Jahr erkranken 70 000 Frauen an Brustkrebs, 18 000 sterben daran“. Wenn das nicht reicht, werden Zahlen für ganz Europa oder weltweit genannt, selbst wenn verlässliche statisti- sche Angaben nicht einmal für Deutschland vorliegen. In dem Bestreben, das Krankheitsrisiko möglichst drastisch darzustellen, kommt es immer wieder zu absurden Falschmeldungen, etwa „Jede achte Frau erkrankt im Jahr an Brustkrebs“, wie in einer NDR Fernsehsendung im August 2016 verbreitet (Mühlhauser, 2017, S. 56). Der Nutzen von Früherkennung wird ebenfalls oft übertrieben, indem relative Prozentangaben verwendet wer- den, wie „Mammographie Screening kann das Risiko um 30 % verrin- gern“. Ebenso ist die häufig genutzte Darstellung eines möglichen Nut- zens von Massenscreening als Verbesserung von 5 ‑ Jahres Überlebensraten selbst für Ärztinnen und Ärzte unverständlich. Die medizinischen Inter- ventionen werden damit überbewertet (Wegwarth et al., 2012). Hingegen werden Unsicherheiten der wissenschaftlichen Datenbasis oder die Risi- ken der medizinischen Maßnahmen oft verschwiegen. In zahlreichen Un- tersuchungen wurde gezeigt, dass solche manipulativen Gesundheitsinfor- mationen zu erheblichen Missverständnissen führen und einem rationalen Handeln entgegenstehen. Eine ausführliche Darstellung der Trugschlüsse durch manipulative Kommunikation von wissenschaftlichen Daten und al- ternative verständliche Präsentationsformen findet sich im Buch der Auto- rin „Unsinn Vorsorgemedizin“ (Mühlhauser, 2017). 2 2.1 Ingrid Mühlhauser 20 https://doi.org/10.5771/9783845291963 , am 29.07.2020, 21:08:41 Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb